Predigt zum 29. Sonntag im Jahr

Liebe Gläubige,
beten sie eigentlich noch im Alltag? Natürlich, sie gehen in die Kirche, da wird gebetet, aber außerhalb der Kirche, wie sieht es da aus? Das Gebet wird heute vielfach belächelt, viele betrachten es als sinnlos, manchmal — besonders bei älteren Menschen — dient es sogar als Zeitvertreib. Es stellt sich also die Frage, warum man überhaupt beten soll? Was das Beten eigentlich bringt? Beten ist der Versuch, mit einer höheren Instanz, mit Gott, in Kontakt zu treten. Beten d.h., dass ich eine Beziehung zum Übernatürlichen habe. Jeder der betet, ist mehr oder weniger überzeugt, dass es etwas gibt, das das menschliche Dasein übersteigt. Jeder Beter ist überzeugt, dass nicht alles von ihm alleine abhängt. Er versteht sich als Geschöpf, das mit Gott im Himmel in Beziehung tritt. In der Lesung haben wir ein Beispiel für die Wirkung des Gebets gehört: Die Israeliten schreiben ihrem Sieg über die Angreifer der Hilfe Gottes zu. Die gute Beziehung zu Gott und das Vertrauen auf seine Hilfe, haben ihnen Kraft gegeben, ihre Probleme zu meistern. Wo andere verzweifeln, und keinen Ausweg mehr wissen, da können Gläubige Menschen von Gott her Kraft schöpfen und Großes bewirken. Viele Menschen, denen unbeschreibliches Leid begegnet ist, können diese Tatsache bestätigen. So kann man sagen, dass die Macht des Gebetes in der Kraft liegt, die ich im Alltag, sowie in aussichtslosen Situationen, bekomme, und nicht so sehr in der Hoffnung auf ein Wunder. Das belegt auch die Forschung, die festgestellt hat, dass betende Menschen glücklichere Menschen sind. Nun könnte jemand behaupten, dass Beten so etwas Ähnliches ist wie eine Autosuggestion: ich mache mir also selber etwas vor, damit es mir besser geht. Aber wir Christen glauben im Gegensatz dazu, dass diese Kraft, die das Gebet vermittelt nicht von uns selbst, sondern von Gott kommt. Denn für uns ist das Beten ein Ausdruck der Hinwendung und der Hingabe an Gott. Für einen gläubigen Menschen heißt beten, mit einem Freund sprechen, der immer für einen da ist. Gebet ist also nicht nur eine Hilfe in Notfällen, sondern Ausdruck einer lebendigen Beziehung. So hängt für uns das Gebet eng mit der Beziehung zusammen, die ich zu Gott habe. Wenn auch im Alltag Gott seine Rolle in meinem Leben spielt, wenn ich Gott in meinem Leben Zeit und Raum gebe, dann weiß ich, dass er mich immer begleiten wird, was auch immer geschieht. So wird deutlich, dass diese Gottesbeziehung mit der Zeit wachsen muss, wenn sie in Belastungen standhalten soll. Das Gebet als Kontaktaufnahme mit Gott dient diesem Wachstum. So wird klar, dass Beten viel mehr ist, als das herunter sagen bestimmter Formeln. Im Gebet öffne ich mich für Gott und wende mich an Gott, so dass meine Freundschaft mit Gott immer tiefer wird. Und je stärker meine Freundschaft und Beziehung zu Gott wird, desto tiefer und wirkmächtiger wird auch mein Gebet. Dieser Kreis funktioniert aber auch andersherum: je mehr ich das Gebet vernachlässige, desto schwächer wird auch meine Beziehung und Freundschaft zu Gott. Gott scheint dann immer weiter weg zu sein, und ich und mein Leben scheinen ihn nicht zu berühren. Also kann nur der ein Christ sein, der betet. Denn das Gebet ist unser einziger Draht zu Gott. Ich sollte ihn nicht mit irgendwelchen Formeln aus Kindertagen abspeisen, sondern ich kann ihm mein Innerstes, all das was mich wirklich bewegt, vortragen. Dann wird das Gebet nicht nur zur Pflichtübung, sondern zur echten Lebenshilfe, die Kraft gibt und meine Beziehung zu Gott immer stärker werden lässt.