Predigt zum 6. Sonntag in der Osterzeit

Liebe Gläubige!
„Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch:" So sagt Jesus über sich und die Christen. Das ist das Ideal des christlichen Glaubens und Lebens: Aus der Gemeinschaft mit Gott und Jesus resultiert die Gemeinschaft untereinander. Aber das Problem ist: Wie kann diese Gemeinschaft mit Gott und untereinander zustande kommen? Nach dem Evangelium müssen beide Seiten zusammenwirken: Die göttliche Seite, sie sendet uns den Beistand, der uns diese Gemeinschaft vermittelt, und die menschliche Seite, die durch das Halten der Gebote zur Beziehung Mensch Gott beitragen soll.
Betrachten wir zunächst den Beistand, der umgangssprachlich auch Heiliger Geist genannt wird. Wir kennen ihn als dritte göttliche Person, als einen Teil von Gott. Aber schon das Wort „Geist" sagt, dass diese Erscheinungsweise Gottes für uns kaum fassbar ist. So haben die Theologen zum leichteren Verständnis die Zeit der Welt in verschiedenen Wirkperioden Gottes eingeteilt. Die Zeit des Alten Testaments wird als Wirkungszeit des Vaters angesehen. In der Schöpfung und den verschiedenen Bundesschlüssen mit seinem Volk hat sich Gott der Vater offenbart. Menschen haben erlebt, dass Gott für sie wie ein Vater ist, der immer da ist. So hat er sich dem Mose auch unter dem Namen "ich bin da — Jahwe" gezeigt. Wie gute Eltern, die ihr Kinder nicht gerade antiautoritär erziehen, ist Gott auch manchmal der strafende Gott, oder der Gott der die Menschen eigene Erfahrungen machen lässt, und manchmal ist er auch der Gott, der für seine Kinder ohne Kompromisse einsteht. Gott wurde eben wie ein Vater erlebt. In der Zeit des neuen Testaments haben sich dann die Gotteserfahrungen gewandelt. Durch Jesus kam uns Gott noch näher: er wurde einer von uns, unser Bruder, einer wie wir, der an unserer Seite ist, der mit uns durch Freud und Leid geht. Die Menschen damals konnten Gott und sein Wirken direkt in den Wundern und in der Auferstehung erleben. Es war die Zeit des Sohnes, der zweiten göttlichen Person. Nach der Himmelfahrt und Pfingsten ist die dritte Periode der Gotteserfahrungen angebrochen: die Zeit des Heiligen Geistes. Gott ist jetzt in einer anderen Weise bei uns: Wir können ihn nicht mehr sehen, sondern wir erfahren ihn im Geiste, oder besser gesagt im Herzen. Wir erleben heute Gott als Beistand, wenn wir selber nicht mehr weiter wissen. Wir erleben Gott in den guten Taten von gläubigen Menschen, wir erleben Gott als Triebfeder unseres Handelns und in unserem Gewissen. Gott ist gewissermaßen von außen in uns hineingekommen. Der heilige Paulus hat das einmal so ausgedrückt: „In dir [Gott] leben wir, bewegen wir uns, und sind wir!" Das ist also das Wirken des Heiligen Geistes. Wir sind von Gott umgeben, wie Fische vom Wasser, und es kommt auf uns an, ob wir es merken oder nicht. Gott hat von sich auch die Gemeinschaft mit uns Menschen schon hergestellt, es kommt also nur noch auf unsere Antwort an, ob wir das auch registrieren. Und unsere Antwort besteht im Halten der Gebote Gottes, sagt Jesus im Evangelium. Mit den Geboten sind jetzt nicht nur die 10 Gebote gemeint, sondern überhaupt eine Lebensweise, die dem Willen Gottes entspricht. Es geht heute um die Überwindung des Egoismus, und des Konsumismus. Es geht um die Bereitschaft sich für Andere einzusetzen. Es geht um das Mitwirken an einer lebenswerten Welt für alle. Es geht um persönlichen Einsatz für das Rechte und Gute, anstatt von Resignation und dem sich treiben lassen. Das ist unsere Antwort auf das Angebot der Nähe Gottes. Wenn wir uns darum bemühen, dann bekommt unser Leben einen Sinn, dann erleben wir die eingangs erwähnte Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Dann leben wir wirklich als Christen. Dann erleben wir wirklich, dass Gott in Jesus ist, und dass Jesus in uns ist, und dass wir in Jesus sind.